1837

Erbärmliche Lebensumstände in den Herbersvierteln

Au - Haidhausen - Giesing * Der Auer „Armenarzt“ Anselm Martin schreibt:

„In den Herbergen sind nicht nur Menschen, sondern auch noch alle Gattungen Hausthiere Katzen, Kaninchen, Vögel, Mäuse und dergleichen, so wie alle nur erdenklichen Handwerksgeräthe, Hausutensilien, alte, bereits halb verfaulte, zusammengesammelte Leinwand, zerbrochenes Glas, neugewaschene zum Trocknen aufgehängte Wäsche und dergleichen in den kleinsten, mit zurückstoßender Luft angefüllten Gemächern anzutreffen.

Die Öfen sind gewöhnlich von Ziegel, selten von Eisen.
Die Feuerung geschieht mit Holz und zwar mit den schlechtesten und wohlfeilsten Holzgattungen, oft mit halbverfaulten, in der Isar aufgefangenen Gerten und Prügeln“
.

Die „Höhe der Wohnräume“ liegt bei 180 bis 192 Zentimetern; die „Dachdeckungen“ aus Ziegel oder Blech lösen erst im 19. Jahrhundert die Schindel- oder Strohdeckung ab; ihre „Galerien und Träger“ verzieren die Bewohner mit Schnitzereien.

„Gemeinsamer Besitz“ aller Hausbewohner sind das „Grundstück“, die „Umfassungsmauern“ und das „Dach“.

Diese komplizierten Eigentumsverhältnisse führen häufig zu ausgiebigen Streitereien.
Wird das Dach undicht, so sind in erster Linie nur die Parteien des obersten Stockwerks vom Schaden betroffen, die Bewohner des Parterres dagegen haben nur sehr wenig Interesse an einer kostspieligen Reparatur.
Deshalb soll es vorgekommen sein, dass die „Oberen“ kübelweise Wasser auf den Fußboden schütteten, um die „Unteren“ drastisch an die gemeinsamen Verpflichtungen zu erinnern.

Nicht umsonst heißt es in den Akten des Landgerichts: „So viele Herbergsbesitzer sich in einem Hause befinden, ebensoviele Hauseigentümer gibt es im selben; keiner lässt sich vom andern etwas einsprechen, jeder tut in seiner Herberge, was er will“.

Auch die „hygienischen Zustände“ sind katastrophal.
Das „Trinkwasser“ muss von weit entfernten „Pumpbrunnen“ geholt werden.

Da eigene „Abtritte“ fehlen, benutzt man „Häfen und Leibstühle“.
Wegen der fehlenden Kanalisation werden „Abfälle und Abwässer“ jeglicher Herkunft in den „Auer Mühlbach“ geschüttet.
Eine „städtische Verordnung“ bestimmt deshalb, dass dies nur während der Nacht geschehen darf, da tagsüber die Frauen ihre Wäsche im „Auer Mühlbach“ waschen.

Das Fehlen der „Abfalltonnen“ bedingt viele unreinliche Wohnungen.
Dadurch sind die „Herbergsviertel“ in „Seuchenzeiten“ Brutstätten von Krankheiten.

Es ist also kein Wunder, dass viele Bewohner an den „Typhus- und Choleraepidemien“ sterben und die Einwohner oft hohen Blutzoll zu entrichten haben.


1837

Suchbegriffe

Cholera, Herbergen, Öfen, Gemeinsamer Besitz, Klagen, Hygiene, Abfälle, Abwasser, Leibstuhl, Abfalltonnen, Auer Mühlbach, Seuchen, Typhus,

Personen

Martin Anselm Armenarzt

Weitere Ereignisse im Jahr 1837

1837

München * Der inzwischen 80-jährige Freiherr Reinhard von Werneck erhält von König Ludwig I. das „Großkreuz des Civil-Verdienstordens der Bayerischen Krone“.

1837

Englischer Garten - Tivoli * Der aus dem Hessischen stammende „Großhändler und Banquiers“ Christian August Erich kauft Johann Gradl die „Neumühle“ um 41.000 Gulden ab.

Erich war unter anderem Mitinhaber einer „Walzmühle“ in Frauenfeld im Schweizer Kanton Thurgau.

Herbst 1837

Englischer Garten - Tivoli * Christian August Erich legt König Ludwig I. einen Statutenentwurf zur Errichtung einer „Walz-Getreidemühle“ vor, die von einer Aktiengesellschaft betrieben werden, an der sich vornehmlich die ansässigen Müller beteiligen sollten.

1837

Haidhausen * Die Einnahmen der „Haidhauser Armenpflege“ liegen bei 4.872 Gulden, die Ausgaben bei 7.055 Gulden.

Das Defizit von 2.773 Gulden muss die Gemeindekasse übernehmen.

1837

Karlsruhe - Berlin * Die Ingenieure Emil Keßler in Karlsruhe und August Borsig in Berlin gründen ihre Maschinenbauwerkstätten.

Sie produzieren ihre ersten Lokomotiven - wie Joseph Anton von Maffei - im Jahr 1841.

Bis um den 1837

Griechenland * Von den 3.500 Soldaten, die König Otto von Griechenland begleitet haben, sind 2.300 an den mangelhaften hygienischen Verhältnissen und den ständig kursierenden Epidemien gestorben. 

1837

Haidhausen * Erstmals ist von einem Neubau der Haidhauser „Sankt-Johann-Baptist-Kirche“ die Rede.

1837

Maxvorstadt * Die von Friedrich von Gärtner geplante „Staatsbibliothek“ wird bezogen.

1837

Englischer Garten - Hirschau * Der vielseitige Unternehmer Josef Anton Ritter von Maffei, einer der Mitbegründer der „Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank“ erwirbt in der „Hirschau“ für 57.000 Gulden den mit Wasserkraft betriebenen ehemaligen „Lindauer'schen Hammer“ mit einer kleinen Eisengießerei. 

Er baut ihn zu einer der leistungsfähigsten Lokomotiven- und Maschinenfabriken Bayerns aus.

Um 1837

Graggenau * Noch vor der offiziellen Eröffnung gibt es Verkaufsüberlegungen für das unzweckmäßige „Postgebäude“.

Der „Bayerische Gesandte“ in Hannover meldet, dass ein dortiger „Hotelier“, der zuvor „Schiffskapitän“ war, die umstrittene Immobilie zu einem in Deutschland einzigartigen „Gasthof der ersten Größe“ umgestalten will.

Die Verhandlungen scheitern aber letztlich am hohen Kaufpreis und an der Forderung, dass ohne königliche Genehmigung nichts an der Fassade geändert werden darf.

1837

Au - Haidhausen - Giesing * Anselm Martin, für den Münchner Osten zuständiger „Armenarzt“, schreibt in seiner „Topographie“ über die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten:

„Die Masse der Bevölkerung zieht [...] ihre Nahrungsquelle aus den Tages-Arbeiten in der benachbarten Stadt, den Fabriken des Bezirkes und namentlich den vielen nahen Ziegelöfen“.

1837

Haidhausen * Das Haidhauser Gut „Haidenau“ wird an den „Rittmeister“ Thelesphor von Streber verkauft.

Dieser tauscht es mit dem Münchner „Privatier“ Willibald Brodmann gegen dessen Besitz in Haching.

1837

Untergiesing * Der Bankier und Besitzer der „Untergiesinger Lederfabrik“, Arnold von Eichthal, erwirbt das „Schrafnagelmühle“ [„Giesinger Mühle“] genannte Anwesen.

Ab 1837

Kreuzviertel * Zwischen 1837 bis 1847 ist Joseph Anton von Maffei Mitglied in der „Kammer der Abgeordneten“.

Anfang 1837

Haidhausen * Das „Brunnhaus auf der Kalkofeninsel“ wird in Betrieb genommen.

2. Februar 1837

Kreuzviertel * Die nächste Zusammenkunft der „Volksvertretung“ beginnt am 2. Februar und dauert bis zum 17. November 1837.  

Das Ergebnis der im Vorfeld durchgeführten Wahlen war von der Staatsregierung schon ganz in ihrem - konservativen - Sinne beeinflusst worden. 

15. Februar 1837

Athen * Nach neunmonatiger Abwesenheit kehrt König Otto von Griechenland mit seiner Gemahlin Amalie nach Athen zurück. 

6. März 1837

Haidhausen - Ramersdorf * In der Auseinandersetzung um die Zugehörigkeit der „Ramersdorfer Lüften“ zum „Landgericht Au“ wird folgendes festgelegt:

„Zur Beseitigung der Nachteile, welche die gegenwärtig bestehende teilweise Unterordnung der Landgemeinde Ramersdorf unter die Landgerichte Au und München zur Folge hat, haben S.M. der König [...] zu beschließen geruht, daß der dem Steuerdistrikt Haidhausen und infolgedessen bisher dem Landgericht Au angehörige Teil der Landgemeinde Ramersdorf dem Landgericht München, welchem bereits der größere Teil dieser Gemeinde angehört, sowohl in Bezug auf Justizpflege als auch auf Administration zugewiesen und demnach der Landgemeinde Ramersdorf in ihrem ganzen Umfang und in jeder Beziehung des landgerichtlichen Geschäftskreises einem und demselben Landgericht untergeordnet werde“.

Das ist zwar sehr positiv formuliert, doch werden damit lediglich die „Ramersdorfer Lüften“ in den Bezirk des „Landgerichts München“ überstellt, nichts aber am Bestand der Gemeinde Ramersdorf und an der Zugehörigkeit zum „Steuerdistrikt Haidhausen“ verändert.
Außerdem werden die „Lüftler“ - aufgrund der weiten Wege - nach Haidhausen eingepfarrt.

3. Juli 1837

Au * Der Brauereibesitzer Franz Xaver Zacherl kauft das „Nockher-Anwesen“ um 14.000 Gulden. 

Kein Wunder, dass die Kinder später singen werden: 
„Des is da Nockher-Berg,
der wo's an Zacherl g'hört!“

23. Juli 1837

Bath * Die 16-jährige Eliza Gilbert [= Lola Montez] heiratet in Irland den nur zwölf Jahre älteren Liebhaber ihrer Mutter, Thomas James.  

Beide fliehen aus dem südenglischen Bath, als Eliza mit dem siebzigjährigen Sir Lumley verheiraten werden soll. 

23. Juli 1837

München * Der Münchner Unternehmer Joseph Anton von Maffei setzt die Visionen von Simon von Eichthal in die Tat um, in dem er sich intensiv um die Förderung des bayerischen Eisenbahnbaus kümmert.  

Nachdem die „München - Augsburger Eisenbahngesellschaft“ ihre endgültige Konzessionierung erhalten hat, wird Joseph Anton von Maffei auf der konstituierenden Verwaltungsratssitzung zunächst ins Direktorium und danach zum Vorsitzenden gewählt. 

August 1837

Regensburg * Der erste Dampfer der „Bayerisch-württembergischen Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft“, ein „Seitenraddampfer“, wird vom Stapel gelassen.

Er war in der Regensburger Werft von Maffei gebaut worden.

18. September 1837

Kreuzviertel * König Ludwig I. argumentiert vor der „Stände-Versammlung“ so:  

„Die Verfassungsurkunde räumt den Ständen keineswegs das Recht ein, die einzelnen Positionen der Einnahmen und Ausgaben unabänderlich mit verbindender Kraft für die Regierung festzustellen, nur zum Zwecke der Steuerbewilligung wird denselben das Budget vorgelegt; ein Finanzgesetz ist in der Verfassung nicht vorgeschrieben, sondern nur durch eine gezwungene Interpretation ist die bisherige Übung eingeführt worden.  
Zwingen lasse ich mich nicht, dafür meyne ich, sollte ich zu gut bekannt seyn. [...]“
.  

Die „Kammer der Abgeordneten“ wollte einen derartigen Angriff des Königs freilich nicht akzeptieren und selbst die „Kammer der Reichsräte“ ist von den Argumenten des „Innenministers“ Oettingen-Wallerstein überzeugt.  

Es kommt, was kommen musste: wer dem König nicht nach dem Mund spricht, hat mit Sanktionen zu rechnen, weshalb Ludwig I. seinen liberal geltenden „Innenminister“ Ludwig Fürst zu Oettingen-Wallerstein am 4. November 1837 entlässt. 

Oktober 1837

Regensburg - Linz * Der erste Dampfer der „Bayerisch-württembergischen Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft“ fährt erstmals bis nach Linz.

Im folgenden Jahr wird der fahrplanmäßige Verkehr zwischen Regensburg und Linz aufgenommen.

4. November 1837

München * König Ludwig I. entlässt seinen als liberal geltenden „Innenminister“ Ludwig Fürst zu Oettingen-Wallerstein.  

An seine Stelle rückt der erzkonservative „Ministerialrat“ Karl August von Abel. 

24. Dezember 1837

Maxvorstadt * Herzogin Elisabeth in Bayern, die als „Sisi“ bekannt gewordene spätere österreichische Kaiserin, wird in München geboren. 


Verwendet in Führung:

01. Haidhausen - Bauern, Adel und Tagelöhner
02. Haidhausen - dort wo's bogenhauserisch ist
05. Die südliche Au
06. Die nördliche Au
15. Lehel
18. Krippen, Porzellan & Falkenjagd * Auer Impressionen im Nationalmuseum
20. Untergiesing



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Martin Anselm Armenarzt