13. Oktober 1886

Die Öffentlichkeit erfährt von der Krankheit des Prinzen Otto

München * Die Öffentlichkeit erfährt erst jetzt durch die „Münchner Neuesten Nachrichten“, dass Prinz Otto an „Verrücktheit“ oder „Paranoia“ leidet.

„Der kranke König wird durch anhaltende Sinnestäuschungen (Halluzinationen) und Wahnvorstellungen so sehr vom realen Leben abgezogen, daß der Nichtunterrichtete [...] jeden geistigen Zusammenhang des Monarchen mit der Außenwelt für aufgehoben hält.
Nur gelegentlich zeigen sich vorhandene Reste normaler Geisteskräfte. [...]

Die Prognose geht mit Bestimmtheit dahin, daß an Heilung nicht gedacht werden kann.
Auf die Lebensdauer hat das Leiden keinen Einfluß“
.


1886

Suchbegriffe

Münchner Neueste Nachrichten, Paranoia,

Personen

Otto I. König

Weitere Ereignisse im Jahr 1886

1886

München-Ludwigsvorstadt * Das „Panorama“ in der Theresienhöhe 2a, zwischen „Hacker- und Bavariakeller“, wird eröffnet.

1886

München-Theresienwiese * Der „Bavariaring“ wird angelegt und damit die Ausdehnung der „Festwiese“ des „Oktoberfestes“ festgelegt. 

1886

Bogenhausen * Joseph Selmayr jun., der „Bürgermeister“ von Bogenhausen, übernimmt den „Hansmarterhof“.

Neben der Landwirtschaft betreibt er noch Ziegeleien an der Ismaninger Straße.

16,7 der 22,4 Hektar (~ 75 Prozent) Grund des entstehenden Villenviertels gehören Joseph Selmayr.

1886

München-Haidhausen * Die Haidhauser „Aktienbrauerei zu Schwaige“ erwirbt den „Gambrinusbräu“, der auf die 1551 gegründete „Löwenhauserbrauerei“ zurückgeht.

Zugleich wird die Haidhauser Brauerei in „Gambrinusbrauerei“ umbenannt.

1886

München * Die „katholische Kirche“ droht ihren Mitgliedern mit der „Exkommunikation“, wenn sie ihre Leiche verbrennen lassen oder in einen entsprechenden Verein eintreten würden.

1886

Main * Die Dampfschifffahrt auf dem Main erlebt mit der Errichtung der „Kettenschleppschifffahrt“ eine neue Blüte.

1886

München-Au * Die „Pschorrbrauerei“ erwirbt die ehemalige Wirtschaft des Johann Georg Messerer.

1886

München-Au * Die Firma „Gebrüder Schmederer“ wird eine Aktiengesellschaft.

Ab 1886

München - Erlangen * Ludwig Thoma studiert zunächst „Forstwirtschaft“, dann „Jura“ in München und Erlangen.

Er gehört der „schlagenden Studentenverbindung Suevia“ an. 

1886

München - München-Untergiesing * William Frederick Cody, besser bekannt unter seinem Pseudonym „Buffalo Bill“, hält sich mit seiner „Wildwest-Schau“ in München auf.

Die Münchner sind begeistert von den „tollkühnen Zugstücken“, worunter man die Reiterkünste bei einem nachgespielten Überfall auf einen Eisenbahnzug versteht.
In der Schau treten neben der „ritterlich schönen Erscheinung“ Buffalo Bills noch „nordamerikanische Indianer“ und „mexikanische Baqueros“ auf.

Die Zuschauer schwärmen von den „Künsten der Naturreiter“ und ihren „wahrhaft schönen und sicheren Sitz und ihrer prächtigen Haltung“ und vom Anblick der Indianer, „deren nackte, ebenmäßige Glieder so bunt bemalt sind, als trügen die braunen Herrschaften grellfarbene Tricots“.

Beim Rennen gegen „Buffalo Bill“ treten „die besten Hochradfahrer Europas“ an: der in Haidhausen wohnende Heinrich Roth und der aus dem „Westend“ stammende Josef Fischer.
Ausgetragen wird das ungleiche „Rennen zwischen Roß und Stahlroß“ auf der „500-Meter-Radrennbahn“ am „Schyrenplatz“.

Die Rennstrecke haben die Konkurrenten zuvor auf fünfzig Kilometer festgelegt.
Auf der mit Sand aufgefüllten Innenbahn spornt „Buffalo Bill“ seine extra aus Amerika mitgebrachten Pferde an.
Auf der Außenbahn mit den „überhöhten Kurven“, die hohe Geschwindigkeit zulassen, strampelten sich die „Radrennfahrer“ ab.

Und so verläuft das Rennen: „Die Radfahrbahn kann die Masse der Zuschauer nicht fassen. (...)
Buffalo Bill jagt sein erstes Pferd fünf Runden in halsbrecherischem Tempo neben den Radfahrern.
Dann - den Zuschauern bleibt der Atem weg - voltigiert er in vollem Galopp auf das zweite Pferd.

Dieser kühne Wechsel wiederholt sich mehrere Male.
Buffalo Bills Helfer treibt mit einem Peitschenschlag das nächste Pferd an die Seite des dahinstürmenden Reiters - ein kraftvoller Schwung, Oberst Cody sitzt im Sattel des frischen Tieres.
Rücksichtslos bearbeiten die talergroßen Sporen die Flanken des keuchenden Pferdes, dem blutiger Schaum vom Mund flockt.

Die Radfahrer fallen zurück, aber sie geben nicht auf.
Als Buffalo Bill auf sein letztes Pferd wechselt, sind sie bereits wieder in Führung.

Der schnelle Hengst, den der Oberst sich bis zum Schluß aufgespart hat, vermag daran nichts mehr zu ändern: Heinrich Roth und Josef Fischer gehen als Sieger durchs Ziel und kassieren den unwahrscheinlich hohen Siegespreis von 1.500 Mark, der ihnen in 150 blanken 10-Mark-Stücken aus funkelndem Gold ausbezahlt wird“.

1886

München-Maxvorstadt * Leonhard Romeis wird zum „Architekturprofessor“ an die „Kunstgewerbeschule“ berufen.

20. Februar 1886

München-Sendling * Den zweiten Münchner Konsumverein, den „roten“, gründen „elf biedere Metallarbeiter“ im Sendlinger „Maibräu“.

Der Sendlinger Verein macht den Auern bald harte Konkurrenz und mausert sich bis zum Ersten Weltkrieg zur größten Konsumentenorganisation Süddeutschlands. 

März 1886

Pfronten * Die Planungen für „Burg Falkenstein“ bei Pfronten sind weitgehend abgeschlossen.

23. März 1886

München * Da König Ludwig II. kein Verständnis für die Forderungen nach „Sanierung des königlichen Haushalts“ aufbringt und er sich auch sonst als „beratungsresistent“ zeigt, beauftragt der „Bayerische Ministerpräsident“ Freiherr Johann von Lutz den „Psychiater“ und Leiter der „Kreisirrenanstalt von München und Oberbayern“, Dr. Bernhard von Gudden, mit der Erstellung eines wissenschaftlichen Gutachtens, das die „Geisteskrankheit und Handlungsunfähigkeit“ des Königs beweisen soll.

Vor der Erteilung des Auftrags muss der „Ministerpräsident“ aber erst die Einwilligung des „Hauses Wittelsbach“ einholen. 

Und nachdem Ludwigs Bruder Otto wegen seiner „Geisteskrankheit“ als Verhandlungspartner ausscheidet, wendet sich der „Regierungschef“ an dessen Onkel, den Prinzen Luitpold.
Dieser gibt nach langem Zögern seine Zustimmung, hätte es aber lieber gesehen, wenn sein Neffe von sich aus „abdanken“ würde.

Mit „Reichskanzler“ Otto von Bismarck wird über das weitere Vorgehen gegen König Ludwig II. Einvernehmen hergestellt, um jede mögliche Intervention und Missbilligung „Preußens“ und des „Deutschen Reiches“ auszuschließen.

1. Mai 1886

Chicago * Am „Haymarket“ in Chicago kommt es zu blutigen Straßenkämpfen mit der Polizei.

In der Folge werden acht Gewerkschaftsführer verhaftet und nach einer konstruierten Anklage zum Tode verurteilt.
Vier davon werden auch hingerichtet.

2. Mai 1886

Nürnberg * Der „Nürnberger Anzeiger“ schreibt zur Finanzmisere König Ludwigs II. folgende Zeilen:  

„[...] der Staat soll Schulden machen, um die Kalamität der Kabinettskassa zu beseitigen, wozu eine Summe von 12 bis 20 Millionen Mark - nach den verschiedenen Lesearten - nötig sein wird.  
Ob hierzu wirklich so leicht die Genehmigung der 2/3-Mehrheit der Landboten zu erhalten ist, wollen wir doch erst abwarten, nach unserer Meinung kann hierzu eine Volksvertretung ihre Zustimmung unmöglich geben“

16. Mai 1886

München-Untergiesing * Auf dem „Schyrenplatz“ geht die erste „Profi-Radrennbahn der Welt“ in Betrieb.

Bei der Eröffnung der 500 Meter langen Bahn mit den überhöhten Kurven beeindrucken drei „Geldpreisfahrer“ aus dem Ausland mit ihren außergewöhnlichen Leistungen.

23. Mai 1886

München - Berlin - Wien * Am 23./24. Mai wird mit Preußen und Österreich Einvernehmen über das „Entmündigungsverfahren König Ludwigs II.“ hergestellt, um mögliche Interventionen und Missbilligungen zu vermeiden.

Juni 1886

München - Freising * Für den Münchner Radrennsportler Heinrich Roth ergibt sich eine erste sportliche Herausfordeung, nachdem sich Mitglieder des „Freisinger Trabrennvereins“ mit den „Hochrad-Fahrern“ aus München messen wollen.

An einem Junimorgen steht der 17-jährige Heinrich Roth mit seinem 1,37 Meter über den Boden ragenden „Hochrad“ vor dem „Großen Wirt“ in Schwabing - gemeinsam mit fünf anderen „Radfahrern“ - am Start zum Rennen nach Freising.

Für die dreißig Kilometer lange Strecke braucht damals

  • ein guter „Traber“ rund zwei Stunden,
  • die neuartige „Eisenbahn“ bewältigt die Entfernung in siebzig Minuten.
  • Der „Renn-Radler“ legte die Strecke in exakt einer Stunde und vier Minuten zurück.

Heinrich Roth siegt damit nicht nur mit einer halben Stunde Vorsprung vor seinen Konkurrenten, sondern unterbietet auch noch die Fahrzeit der Eisenbahn um sechs Minuten.
Die Sensation ist damit perfekt.

Doch das war erst der Anfang der Karriere des ambitionierten „Rennfahrers“ und es sollte weiter steil nach oben gehen.

7. Juni 1886

München * In den „Ministerrats-Sitzungen“ vom 7., 8. und 9.Juni 1886 werden - unter dem Vorsitz des Bayernprinzen Luitpold - die entscheidenden Schritte zur „Entmündigung“ König Ludwigs II. und der „Übernahme der Regentschaft“ durch Prinz Luitpold in die Wege geleitet. 

8. Juni 1886

München * Professor Dr. Bernhard von Gudden und drei weitere Ärzte attestieren König Ludwig II. - rund zehn Wochen nach Auftragserteilung - eine sehr weit fortgeschrittene und unheilbare „Paranoia“

Sie stützen sich dabei im Wesentlichen auf Aussagen der „Hofbediensteten“ und ohne mit dem „Patienten“ auch nur ein einziges Wort gesprochen zu haben. 

Mit dem psychiatrischen Gutachten sind aber die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für die „Beendigung der Regentschaft“ König Ludwigs II. gegeben.

Ludwigs Onkel, Prinz Luitpold, erklärt sich nach längerem Zögern und Zaudern zur definitiven Übernahme der „Regentschaft“ - nach der „Entmündigung“ des Königs - bereit und verständigt noch am selben Tag die größeren deutschen „Souveräne“ und Kaiser Franz Joseph von Österreich.

9. Juni 1886

München * Prinz Luitpold lädt zur „Ministerkonferenz“ ein, auf der die „Regierungsunfähigkeit des Königs“ festgestellt, seine „Entmündigung“ vollzogen und dem Einladenden die „Regentschaft“ - vorbehaltlich der Unterrichtung des „Landtags“ - übertragen wird. 

Zur Wahrung der privatrechtlichen Interessen des „Märchenkönigs“ Ludwig II. setzt man die Grafen Clemens Maria von Toerring-Jettenbach und Max von Holnstein als „Vormund“ ein.

10. Juni 1886

München * Die „Regentschaftsproklamation“ Prinz Luitpolds wird vom „Gesamtministerium“ gegengezeichnet.

Der 65-jährige Luitpold von Bayern wird damit zum „Verweser des Königreichs Bayern“, oder kurz gesagt zum „Prinzregenten“.

In der Zwischenzeit hat sich eine elfköpfige „Fang-Kommission“ - unter Beteiligung des „Ministers“ Krafft Freiherr von Crailsheim, der „Vormünder“, Dr. Bernhard von Gudden und anderen - auf den Weg nach „Schloss Neuschwanstein“ gemacht. 
Sie sollen den König von seiner „Regierungsunfähigkeit“ und der Übernahme der „Regentschaft“ durch Prinz Luitpold unterrichten und ihn in „irrenärztliche Pflege“ übernehmen. 

Der rechtzeitig informierte König Ludwig II. lässt die „Kommission“ von Gendarmen aus Füssen festnehmen. 

Erst am Nachmittag, nachdem sich die „Regentschaftsproklamation“ Luitpolds auch in Füssen herumgesprochen hat, werden die Gefangenen wieder freigelassen.

11. Juni 1886

Schloss Neuschwanstein - Schloss Berg * Eine kleinere, effektivere „Fang-Kommission“ nimmt einen neuen Anlauf.
Diesmal mit mehr Erfolg. 

Dem König wird die „Entmündigung“ eröffnet.

Er lässt sich festnehmen und nach „Schloss Berg am Starnberger See“ überführen.
Dort kommt es in der Folge zum sogenannten „Königsdrama“.

Ursprünglich sollte Ludwig nach „Schloss Fürstenried“ gebracht werden.
Man kommt von dem Gedanken aber wieder ab, da man die Brüder nicht im selben Haus untergebracht haben will.
Statt dessen werden Pfleger vom Prinzen Otto abgezogen.

13. Juni 1886

Schloss Berg * Am Pfingstsonntag gegen 18.30 Uhr treten der abgesetzte und entmündigte König Ludwig II. und der Leiter der „Kreisirrenanstalt von München und Oberbayern“, Professor Dr. Bernhard von Gudden, einen Spaziergang an.

Nachdem sie um 20 Uhr noch immer nicht zum Abendessen erschienen sind, beginnt man mit der Suche.

Gegen 23 Uhr findet man die Leiche des Ex-Königs auf dem See schwimmen, das Gesicht nach unten.
Nur ein paar Meter entfernt treibt der tote Dr. Gudden. 

Bei der Leichenschau finden sich an Ludwig II. keine Verletzungen, jedoch im Gesicht des 61-jährigen „Psychologen“ Kratzwunden über dem rechten Auge, an der Stirn wird eine Beule festgestellt.
Ein Fingernagel ist abgerissen und am Hals finden sich Würgemale. 

Das Volk gibt die Schuld an der „Königstragödie“ dem „Prinzregenten“.  

14. Juni 1886

München - Schloss Fürstenried * Nachfolger auf dem Thron des „Märchenkönigs“ und damit Bayerns fünfter König wird dessen 38-jähriger, schwer geisteskranke, seit dem 16. März 1878 entmüdigte und seit März 1880 in „Schloss Fürstenried“ weggesperrte Bruder Otto I..

Er wird offiziell zum König proklamiert, wobei man die feierliche Ausrufung durch einen „Herold“ allerdings unterlässt.
„Pro forma“ werden aber die Truppen auf den neuen König Otto I. vereidigt.

Obwohl er den Königstitel seit dem Tag seiner „Proklamation“ bis zu seinem Lebensende - am 11. Oktober 1916 - trägt, wird er in den bayerischen Geschichtsbetrachtungen kaum erwähnt.
Otto ist dreißig Jahre lang bayerischer König; so lange wie kein anderer Wittelsbacher.

Der um drei Jahre jüngere Bruder des „Märchenkönigs“ ist allerdings wegen „schwerer und unheilbarer geistiger Umnachtung“ nicht in der Lage, die Regierungsgeschäfte wahrzunehmen.

Ein von drei unabhängigen Ärzten verfasstes und in Einstimmigkeit unterzeichnetes Gutachten „über den Geisteszustand seiner Majestät Otto I. von Bayern“ kommt zu dem abschließenden Ergebnis, dass „Seine Majestät Otto I. König von Bayern in Folge langjähriger und unheilbarer Geistesstörung als verhindert an der Ausübung der Regierung zu betrachten sei, und daß diese Verhinderung mit Bestimmtheit für die ganze Lebenszeit andauern werde“.

Auch der „Besondere Ausschuß der Kammer der Reichsräte“ befasst sich mit dem Gesundheitszustand des fünften Bayernkönigs.

Deshalb tritt Prinz Luitpold auch die „Regentschaft“ für König Otto I. an und damit in die in der „Bayerischen Verfassung“ aus dem Jahr 1818 vorgesehene Regelung der „Reichs-Verwesung“ ein.
Diese ist vorgesehen, „während der Minderjährigkeit des Monarchen“ oder „wenn derselbe an der Ausübung der Regierung auf längere Zeit verhindert ist, und für die Verwaltung des Reichs nicht selbst Vorsorge getroffen hat, oder treffen kann“.

Der „Regent“ unterzeichnet als „des Königreichs Baiern Verweser“ oder - populär ausgedrückt - als „Prinzregent“.
Die „Bayerische Verfassung“ schließt also die „Thronfolge“ trotz der gegebenen „Regierungsunfähigkeit“ nicht aus.

15. Juni 1886

Schloss Fürstenried * „Oberhofmarschall“ Ludwig Freiherr von Malsen und „General“ Siegmund Freiherr von Pranckh besuchen den neuen König Otto I. und melden ihm den Tod seines Bruders Ludwig. II..  

Otto zeigt keine Regung auf die Todes-Nachricht.  
Danach wird ihm die „Thronfolge- und Regentschaftsproklamation“ verlesen.  

Er freut sich offensichtlich darüber, künftig mit „Majestät“ angesprochen zu werden.  
Ob er jedoch die Nachricht in Gänze begriffen hat, wird schon damals bezweifelt. 

17. Juni 1886

München * In einem „geheimen Protokoll“ wird über den Gesundheitszustand des fünften bayerischen Königs das Nachfolgende ausgeführt: 

„Der Zustand seiner Majestät des Königs Otto sei ein solcher, daß auch der Laie die Regierungsunfähigkeit zu bestätigen vermöge.
Das Leiden hat seinen Anfang genommen [...] wie bei Seiner Majestät König Ludwig. Zuerst seien Seine Majestät König Otto zur Führung einer längeren Conversation befähigt gewesen, jetzt könnten sich Seine Majestät gar nicht mehr artikuliert ausdrücken, wenn auch ein gewißes Verständnis und Erkennungsvermögen bestehe.
Wenn Ihre Majestät die Königinmutter oder ein Curator das Schloß Fürstenried besuche, so erkennen Seine Majestät dieselben, lachen und springen davon, weil Seine Majestät außer Stande sind, zusammenhängend zu sprechen“
.  

Und an einer anderen Stelle der gleichen Protokollnotiz steht geschrieben:
„Hienach finden sich bei Seiner Majestät König Otto bald Exaltations-, bald Depressions-Zustände mit Aufregungen, lebhaften Sinnestäuschungen, zuckende Bewegungen, Wahnideen sowie Geistesschwäche vor, und ist dieser Zustand als ein unheilbarer zu erachten“.

19. Juni 1886

München-Kreuzviertel * Der Leichnam König Ludwigs II. wird in der „Krypta“ der „Michaelskirche“ beigesetzt.

20. Juni 1886

München * Der Journalist Anton Memminger schreibt in der „Bayerischen Landeszeitung“:  

„Um sich auf seinen Sesseln weiter halten und in gewohnter Weise fortwursteln zu können, hat das Ministerium Lutz den Prinzen Otto zum König eingesetzt. [...]  

Allein der klare Wortlaut der Verfassung widerspricht der Ernennung Ottos zum König.  
In der Urkunde heißt es, dass der König den Eid auf die Verfassung leisten muss.  
Ein Prinz, der aber nichtfähig ist einen Eid zu leisten, weil er den selben weder verstehen noch halten kann, soll der nun fähig sein, König zu werden? [...]  

Das ganze Volk war auch völlig verblüfft, als ihm das Ministerium einen irrsinnigen Prinzen als König vorstellte. [...]  

Wo soll das hinaus? Man kann doch dem Volke nicht zumuten, dass es die Ehrfurcht, Liebe und Achtung, die es dem genialen König Ludwig II. auch im Unglück nicht versagte, auf einen unheilbaren blödsinnigen Prinzen überträgt“.  

Der Verfasser der Zeilen wird wenig später deswegen verurteilt. 

21. Juni 1886

München-Kreuzviertel * Die „Kammer der Reichsräte“ gibt seine Zustimmung zu der für König Ludwig II. übernommenen und für den geisteskranken König Otto I. fortzusetzende „Regentschaft“ durch den Prinzen Luitpold. 

26. Juni 1886

München-Kreuzviertel * Die „Kammer der Abgeordneten“ erteilt seine Zustimmung zu der für König Ludwig II. übernommenen und für den geisteskranken König Otto I. fortzusetzende „Regentschaft“ durch den Bayernprinzen Luitpold. 

14. Juli 1886

München * Franz Stuck wird als „untauglich zum Dienst im Heer und Marine“ ausgemustert. 

1. August 1886

Herrenchiemsee - Linderhof - Neuschwanstein * „Schloss Herrenchiemsee“, „Schloss Linderhof“ und „Schloss Neuschwanstein“ werden zur öffentlichen Besichtigung freigegeben.

16. August 1886

Altötting * Die Urne mit dem Herzen des verstorbenen Königs Ludwig II. wird nach Altötting überführt. 

September 1886

München-Theresienwiese * Michael Schottenhamel errichtet das erste „Leinwandzelt“ auf der „Wiesn“.

9. September 1886

Bern * Der „Verband zum internationalen Schutz des Urheberrechts“ tagt in Bern.

Die souveränen Staaten Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Haiti, Italien, Schweiz, Spanien und Tunis erklären in der „Berner Übereinkunft“, die Rechte des Autors am eigenen Werk in den teilnehmenden Staaten schützen und vertreten zu wollen.

29. September 1886

München-Lehel * Die Familie Feuchtwanger zieht in die Hildegardstraße 9. 

Oktober 1886

München-Kreuzviertel * Der Leichnam König Ludwigs II. wird in einen neoklassizistischen Sarkophag umgebettet.

Um den Oktober 1886

München-Graggenau * Nach dem Tod König Ludwigs II. wird der „Königliche Wintergarten auf dem Festsaalbau der Münchner Residenz“ aufgelassen.  

  • Die Pflanzen werden nach „Schloss Nymphenburg“ gebracht,  
  • das kupferne Seebecken wird verkauft. 
13. Oktober 1886

München * Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ informieren die Bevölkerung ausführlich über die Lebensumstände und den Gesundheitszustand des neuen Bayernkönigs Otto I.. 

16. Oktober 1886

München * Leonhard Romeis heiratet die Bamberger Kaufmannstochter Anna Ramis.

Sie werden fünf Kinder zusammen haben.

31. Oktober 1886

München-Obergiesing * Nach zwanzigjähriger Bauzeit kann die „Heilig-Kreuz-Kirche“ eingeweiht werden.

November 1886

Schloss Herrenchiemsee * Die Arbeiten an „Schloss Herrenchiemsee“ werden eingestellt.

November 1886

München-Maxvorstadt * Franz von Lenbach erwirbt die größere Südhälfte des Heß-Anwesens in der Luisenstraße 16 (heute HsNr. 33).

29. Dezember 1886

Schwabing * Prinzregent Luitpold verleiht der künftigen „Stadt Schwabing“ [Stadterhebung am 1. Januar 1887] ein eigenes „Stadtwappen“.  

In einem blauen Schild werden zwölf goldene Ähren von einem silbernen, zu einer Schleife verschlungenen Band zusammengehalten.


Verwendet in Führung:

02. Haidhausen - dort wo's bogenhauserisch ist
29. Graggenau



Münchner Neueste Nachrichten, Paranoia
Otto I. König